Willkommen zu unserer Saison 2017/18!

Zum Thema der Saison

Was hat die Musik – und im weiteren Sinne die Kunst – mit den unendlichen Weiten des Weltraums gemeinsam? In dieser Saison sind wir Reisende und Entdecker auf der Suche nach Parallelen zwischen innerer und äusserer Realität. In einer Zeit, in der technische und wissenschaftliche Errungenschaften die Erforschung des Alls in einer noch nie vorher dagewesenen Weise möglich machen und sich menschliche Neugier und Expansionsfreude kollektiv DORTHINAUS richtet, fragen wir uns, was der Auftrag der Musik ist, die sich hauptsächlich der Erforschung eines (psychischen) Innenraums widmet. Ein Ungare, Béla Bartók gab uns Antwort und Eröffnungsstück und beeinflusste mit der Überschrift seiner berühmten Miniaturen für Klavier Solo Mikrokosmos auch den Titel dieser Saison.

Als ich einen anderen Ungaren, György Kurtag einmal nach der inneren Notwendigkeit seines Schaffens fragte, sagte er: „Dass ich die Poppea für mich entdeckt habe, bevor sie Allgemeingut wurde, ist schön.“ Dies ist ein Hinweis darauf, dass auch musikalisches Schaffen zumindest teilweise von Entdeckerfreude motiviert wird. Die Suche nach einer noch unbekannten Existenz (seien dies fremde Intelligenzen, neue wissenschaftliche Theorien, neue Orte oder sogar geistig/emotionale Zustände) ist im Grunde nichts anderes als die Sehnsucht nach einer Erweiterung des Horizontes. Dies scheint sowohl bei Forschern wie Künstlern im Zentrum aller Bemühungen zu stehen. Es ist eine persönliche, jedoch vom Kollektiv mitgetragene Sehnsucht nach neuen Ufern. Dieses Versprechen – diese GROSSE ERWARTUNG ist ein überlebensnotwendiges Gegengewicht zu den repetitiven Abläufen des Alltags, dem sozialem Druck und dem Bewusstsein, dass der eigene Körper vergänglich ist. Depression des Individuums und Rezession in der Gesellschaft sind die Folge, wenn diese Balance verloren geht.

Die Art dieser Sehnsucht, ihre Objekte ändern sich jedoch mit jeder neuen Epoche. Jede Nation hat (auch durch ihre Geographie und Mentalität) andere Ideale, und jedes Individuum folgt – entsprechend seiner Begabung – anderen Träumen. Für die Engländer stand zum Beispiel ab dem Beginn ihrer Seeherrschaft zu Anfang des 18. Jhs. die Erforschung der Meere und die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen im Zentrum der kollektiven Sehnsucht – viel Energie für musikalische Grenzüberschreitungen blieb nicht übrig. Vielleicht erklärt dieser Gedanke den berühmten GAP im englischen Musikschaffen nach Henry Purcell. Eine weitere Parallele: Obwohl in Russland, Amerika und auch im deutschen Raum zwischen 1903 und 1923 Bücher über Raketentechnik herausgegeben wurden, begann der kollektive Weltraum-Hype erst mit Sputnik im Jahr 1957. Dies wird von vielen als das Geburtsjahr des Freejazz bezeichnet, und dies war der Beginn des Niedergangs für den Jazz als kollektiver kultureller Fokuspunkt.

Unser Eröffnungsabend MOONS, PLANETS, STARS ist deswegen Amerika, der Nation, die als erste eine Mondlandung zustande brachte, gewidmet. Selbstverständlich taucht darin Pierrot Lunaire, der berühmteste Mondsüchtige, auf und Lucy Shelton, die Grande Dame der neuen Musik in den USA, wird ihn interpretieren – neben Weills „Lost in the stars“. Ein wichtiger Fokuspunkt dieser Saison sind drei Stücke von Stockhausen, ein Komponist, der mit seinem Werk über viele Jahre hinweg einen spirituell- musikalischen Grenzbereich zwischen Systematik und Fabulierkunst erforschte und von dem einige Werke direkt mit dem Raum zu tun haben (z.B. Sternklang, Oper LICHT).

Das Programm KONSTELLATIONEN hat in seinem Zentrum Stockhausens Tierkreis – alle 12 Zeichen werden im Wechsel mit Kanons von J.S. Bach gespielt, dem Grossmeister aller musikalischen Konstellation. Im 3. Programm interessieren uns die METEORITEN, diese kurzlebigen Wanderer, die schnell verglühend ihre Bahn über den Nachthimmel ziehen. Eine spezielle Schönheit haben oft auch musikalische Werke, die sich mit der Vergänglichkeit befassen. Das Programm PULSARE ist astronomisch gesehen das Endstadium im Leben einer bestimmten Art von Stern und gleichzeitig eine Qualität der Musik und des Lebens im grösseren Sinne: Pulsation. Zum ersten Mal bringen wir hier wissenschaftliche Messwerte (hier einer Supernova) mit einer musikalischen Umsetzung zusammen. Es ist eines unserer gross besetzten Programme mit Brahms‘ Serenade Nr. 1 in der Fassung für Kammer-ensemble von Boustead. Den Schlusspunkt der Saison bildet das Programm MAGNETSTURM, in dem wir mit Terry Rileys „In C“ auf die Reise gehen und gleichzeitig mit dem Makrokosmos von Crumb den Bogen zurück zu Bartoks Mikrokosmos schlagen, mit dem wir die Saison eröffnet haben.


Helena Winkelman