Willkommen zu unserer Saison 2016/17!

LE CONTRAT SOCIAL

Als Thema einer Saison Bezüge zwischen Musik und Staatswesen zu suchen, ist sicher eine der komplexesten Aufgaben, die man sich stellen kann. Zwar warnte schon im 4. Jahrhundert Platon die Staatenlenker: „Vor einer Musikerneuerung muss man sich hüten (...) Nirgends rüttelt man an den Gesetzen der Musik, ohne an die wichtigsten politischen Gesetze zu rühren.“ Gleichzeitig weiss aber jeder Komponist neuer Musik, dass Festivals und Konzerte selten Austragungsorte realpolitischer Veränderungen sind.

Wenn es um Berührungspunkte zwischen Staat und Musik geht, ist der am leichtesten nachzuvollziehende Gedanke wohl der, dass musikalische Formationen vom Duo bis zum Orchester eine Form von hochentwickelter Organisation sind: Voraussicht, Kommunikation, Verantwortung für das Gesamtergebnis, Balance, Spezialisierung, Erkenntnis des Notwendigen sowie nicht zuletzt die gemeinsame Vision bestimmen über den Erfolg der Zusammenarbeit.

Ein schon diffizilerer Punkt ist die soziale, historische und kulturelle Verortung eines musikalischen Werks. Dass Musik nicht im Vakuum entsteht, sondern ihre Produktion und Rezeption von historischen Erfahrungen und sozialen Bedingungen abhängig ist, hat Hanns Eisler, ein Schönberg- Schüler und der Komponist der DDR-Nationalhymne sein Leben lang beschäftigt. Ihm ist auch der Ausspruch zugeschrieben: „Wer nur von Musik etwas versteht, versteht auch von Musik nichts.“ Und diese Suche nach dem grossen Kontext, der früher eine ganze Generation von Komponisten dazu bewog, sich einem stilistischen Ideal unterzuordnen, weil ihre sozialen und religiösen Denkmodelle übereinstimmten, war der Hauptgrund, warum wir in dieser Saison den Genfer Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) als Führer durch unsere Programme gewählt haben.

Rousseaus „Contrat Social“ ist ein Schlüsselwerk der Aufklärungsphilosophie, das 1762 in Amsterdam erschien. Es wurde damals sofort verboten, doch es ist noch heute wichtige Lektüre für Studenten der Rechtswissenschaft. Rousseaus Einfluss auf die Entwicklungen, die zur Französischen Revolution führten, ist unbestritten. Er war nicht nur ein Wegbereiter für die moderne Demokratie, sondern beeinflusste durch seine Überzeugung, dass das Wesen des Menschen an sich gut sei, wichtige Pädagogen wie Heinrich Pestalozzi. Er arbeitete in Paris auch als Komponist, kopierte Partituren und schrieb musikwissenschaftliche Abhandlungen für Enzyklopädien.

Jedes der fünf Programme enthält Zitate von ihm, die wir in einen Bezug setzen zum gewählten musikalischen Repertoire. Im Eröffnungskonzert ROYAL COURT & PUB begegnen wir zwei Monarchien des späten 18. Jahrhunderts: der englischen und der österreichischen. Maxwell Davies’ Mad King ist als Hauptwerk des Abends beispielhaft für die Problematik einer Situation, in welcher derjenige, von dem alles abhängt, geisteskrank ist.

Das zweite Konzert PROPAGANDA eröffnen wir mit dem Klarinettentrio von Zemlinsky aus dem Wien der Ära Sigmund Freud. Dessen Neffe Bernays verwendete später in Amerika als erster psychoanalytische Theorien zur Beeinflussung der Bürger zum Guten (und später zum Konsum). Auch wenn letzteres für uns zynisch erscheinen mag: Er war hauptsächlich motiviert durch die von ihm erlebten Schrecken gesellschaftlicher Massenphänomene unter Hitler und Stalin. Den geschichtlichen Entwicklungen im Osten folgend, hören wir danach Musik aus der Zeit des Stalinismus und der Sowjetunion.

Im dritten Konzert machen wir uns auf die Suche nach UTOPIA. Diesen Abend verbringen wir hauptsächlich in Frankreich – die Zeit des Jugendstils/Art Nouveau strebte in der Kunst einen Gegenentwurf zu der damals rapide zunehmenden Industrialisierung und Massenanfertigung an – wobei die österreichische und die französische Manier, das zu erreichen, sehr unterschiedlich war. Die zwei zeitgenössischen Werke von Loher und Berio zeigen auf, wie sich das Verhältnis zur Utopie im Laufe der Zeit verändert hat. Rousseau selbst war bei all seinem Glauben an den Menschen ein Realist und verfolgte mit seinem Contrat Social keine gesellschaftliche Utopie.

Das vierte Konzert THE EMIGRANT schlägt die Brücke von der Musik zwischen den beiden Weltkriegen (Weill, Eisler) hin zum Aufbruch der 68er in den USA. Letzteren suchen wir zusammen mit unserem Gast an der Hammondorgel Dominik Blum. Angelpunkt des Konzerts ist ein Kurzfilm Chaplins, „The Immigrant“, dem Uwe Dierksen eine neue Filmmusik unterlegte. Der Film zeigt die Überfahrt nach New York und die Flüchtlinge an Bord unter denen sehr wohl auch Weill und Eisler hätten sein können.

Im letzten Konzert, HAUSMUSIK – NATURMUSIK reflektieren wir den von Rousseau oft besproch-nen Naturzustand des Menschen und stellen ihn dem Privatidyll der Biedermeierzeit gegenüber: eine Epoche in der sich viele Komponisten – von Napoleon enttäuscht und von der darauf folgenden Restauration unterdrückt – von der Politik abwandten. Schuberts Streichquintett nimmt in diesem Programm eine Mittelposition ein.

Wir baten in dieser Saison wieder vier Komponist/innen um Stellungnahme zum Thema: Die Baslerin Isabel Klaus, die bekannt ist für ihre musiktheatralischen Arbeiten, den Schaffhauser Silvan Loher, der eine spontane Affinität mit UTOPIA bekundete, den Zürcher Dominik Blum, welcher die Musik der 60er in Amerika als Hammondspieler kennt wie kein zweiter, und Mischa Käser, der bereits grosse Erfahrung mit dem Alphorn hat und bereit war, sich auf ein Ensemblewerk einzulassen. Weitere zeitgenössische Kompositionen stammen von Georges Aperghis, Galina Ustvolskaya, Heiner Goebbels, Sally Beamish und Uwe Dierksen. Im gesamten Programm werden Werke von 26 Komponisten von 22 Mitwirkenden an 5 Orten in der Schweiz gespielt.


Willkommen zu unserer Saison Contrat Social!

Helena Winkelman

und die Camerata variabile