Freitag, 19. Mai 2017, 19.30
Fribourg, Centre Le Phénix

Samstag, 20. Mai 2017,
 17.00
Neuhausen, Schloss Charlottenfels 

Sonntag, 21. Mai 2016, 17.00
Basel, Gare du Nord


Dienstag, 23. Mai 2017,  19.30
Zürich, Konservatorium, 
Grosser Saal


Balthasar Streiff: Alphorn Solo 
während Einlass und als Eröffnung des Konzertes

Andreas Jakob Romberg (1767 – 1841)
Quintett in e-Moll
für Flöte, Violine, 2 Bratschen und Violoncello

Mischa Käser (*1959)
Teide für Alphorn, Flöte, Streicher. UA

Balthasar Streiff: Alphorn Solo


Franz Schubert (1797 – 1828)
Streichquintett in C-Dur op. posthum 163 D956
Allegro ma non troppo
Adagio
Scherzo. Presto – Trio. Andante sostenuto
Allegretto

Besetzung
Helena Winkelman, Violine
Manuel Oswald, Violine
Lea Boesch, Viola
Christoph Dangel, Violoncello
Isabelle Schnöller, Flöte


Gäste
Thomas Grossenbacher, Violoncello
Balthasar Streiff, Alphorn 


„Was der Mensch durch den Gesellschaftsvertrag verliert, ist seine natürliche Freiheit und das Recht auf alles, wonach ihn gelüstet und was er erreichen kann. Was er erhält, ist die bürgerliche Freiheit und das Eigentum an allem, was er besitzt. Der Gesellschaftsvertrag setzt eine sittliche und rechtliche Gleichheit an die Stelle dessen, was die Natur an physischer Ungleichheit unter den Menschen hervorbringen kann, sodass die Menschen, die möglicherweise nach Stärke und Begabung ungleich sind, durch Vertrag und Recht alle gleich werden."

Der fiktive Herr Biedermeier war ein dichtender schwäbischer Dorflehrer mit einfachem Gemüt, dem laut Eichrodt seine kleine Stube, sein enger Garten, sein unansehnlicher Flecken und das dürftige Los eines verachteten Dorfschulmeisters zu irdischer Glückseligkeit verhelfen. In den Veröffentlichungen werden die Biederkeit, der Kleingeist und die unpolitische Haltung großer Teile des Bürgertums karikiert und verspottet.

Der Dichter Ludwig Pfau hat 1847 ein Gedicht mit dem Titel Herr Biedermeier verfasst. Es beginnt mit den Zeilen:

Schau, dort spaziert Herr Biedermeier
und seine Frau, den Sohn am Arm;
sein Tritt ist sachte wie auf Eier,
sein Wahlspruch: Weder kalt noch warm.

Dies ist sehr boshaft formuliert. Möchte man diesen speziellen Typ von Zeitgenossen freundlicheren Auges betrachten, so fragt man sich nach dem Grund dieser apolitischen Haltung. Nach der Enttäuschung durch Napoleon, der Realisation, dass die Ideale Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nichts mit der Grösse der Armee und der besten Kriegsstrategie zu tun hatten, waren viele Künstler zwar immer noch politisch aktiv, doch sie verstanden, dass sich ihr Wunsch nach einer Entwicklung der Gesellschaft zum Guten nicht – oder zumindest nicht allein – auf politischer Ebene realisieren liess. Es gab zu Schuberts Zeit noch keine städtischen Konzertvereinigungen und Veranstalter im heutigen Sinne. So ist es kein Wunder, dass Schuberts Musik, abgesehen von einigen harmlosen Deutschen Tänzen, vierhändigen Militärmärschen und einer Reihe von Liedern, keine nennenswerte öffentliche Rezeption besaß. So erschuf sich Schubert sein Publikum in seinem eigenen Freundeskreis. Sie trafen sich fast jeden zweiten Tag zu Lesungen und in den oft wöchentlichen Schubertiaden teilten sie miteinander nicht nur die neuen Kompositionen, sondern hatten Gelegenheit sich über andere wichtige Belange auszutauschen.

Dass das gebildete Bürgertum sein kulturelles Leben selbst in die Hand nahm, hatte aber noch einen anderen sehr ernsten Grund: Am Ende der Napoleonischen Kriege versuchten die Regierungen Ordnung in das Chaos zu bringen. Waren die Befreiungskriege 1813/14 noch von Enthusiasmus und einem Aufschwung der neuen bürgerlichen Kunst begleitet - in jener Zeit brach Schuberts kompositorisches Talent mit fast 300 Kompositionen hervor – so erstarb das öffentlich-geistige Leben unter der repressiven Metternichschen Politik nach dem Wiener Kongress 1815 mehr und mehr. Der Mord am Schriftsteller Kotzebue 1819 liefert Metternich den willkommenen Anlass, das ihm unliebsame intellektuelle Treiben durch die Karlsbader Beschlüsse in der Öffentlichkeit bis unter den Nullpunkt zu gefrieren: Mehr als 10 000 "Geheimpolizisten" aus den unteren Schichten, also jeder zwanzigste Wiener, trugen der Regierung Informationen zu – die öffentliche Rede und die Druckmedien unterliegen einer scharfen Zensur. Heine, Büchner und Marx emigrierten schliesslich.

Wilhelm Müller, der Textdichter und fast altersgleiche Zeitgenosse Schuberts, war Mitglied einer kulturellen Untergrundbewegung, die sich durch die undichten Maschen des Zensurnetzes hindurch auszutauschen gelernt hatte - dies durch eine zensurunverdächtige, doch den Gesinnungsgenossen wohlbekannte Verschlüsselung der Sprach - oft durch harmlose Naturmetaphern. Gedichte von Müller, darunter die „Winterreise“ und „Die Schöne Müllerin“, erschienen in der 1822 verbotenen Leipziger Literaturzeitschrift „Urania“. Auch deren Besitz und Lektüre standen unter Strafe – also musste Schubert sie sich illegal besorgt haben, um diese Gedichte und ihren Verfasser kennengelernt zu haben. In diesem Kontext kann man verstehen, warum Dr. Achim Goeres in seinen Gedanken zu Schuberts Winterreise viele doppeldeutige Metaphern in den Texten aufzeigt. Seit Heines Wintermärchen wissen wir um den "Winter" als allgegenwärtige Metapher für eine Politik der Restauration. Dem steht der "Mai" als politisches Pendant gegenüber. Auch heute noch sind uns diese Metaphern geläufig, wenn wir vom "Prager Frühling" sprechen oder "Deutschland im Herbst" hören.

Bei aller Verschlüsselung von Texten mit Naturmetaphern ist die Natur in dieser unruhigen Zeit des Umbruchs jedoch weit mehr: Die Schönheit der Landschaft, die Volksmusik (vor allem Lieder) und altes Brauchtum gaben einem breit aufgestellten Bürgertum – unabhängig von Aristokratie und Kirche - eine neue Identifikationsbasis. Dem Hauptwerk diese Abends, Schuberts berühmten Quintett, das 1828 kurz vor seinem Tod geschrieben wurde, nähern wir uns einerseits von der Naturtonreihe her; andererseits werden wir traditionelle Tänze spielen, die Schuberts Verbindung zur Volksmusik aufzeigen.

Der 1767 in Vechta (Deutschland) geborene Andreas Jakob Romberg stammte aus einer Musikerfamilie und war ein hervorragender Geigenvirtuose. 13 Jahre nach Erscheinen des Contrat Social und vierzehn Jahre vor der Französischen Revolution konzertierte der junge Geiger zum ersten Mal in Amsterdam. Während seiner Jugend und ersten Arbeitsjahre war die Familie wegen Napoleons Truppenverschiebungen öfters genötigt, den Wohnort zu wechseln. 1802-1814 lebte er hauptsächlich in Hamburg, wo auch das vorliegende dritte Flötenquintett in e-Moll entstanden sein dürfte. Es ist das kühnste und letzte der drei Quintette. Während die ersten beiden stilistisch noch in die Klassik gehören, hat dieses in seinem Charakter durchaus schon Mendelssohnsche Qualitäten. Die Publikation des Werks fällt zusammen mit dem Wiener Kongress um 1815. Obwohl er ein riesiges Werk hinterlassen hat, ist er wohl vor allem für seine Vertonung von Schillers Glocke (1808) bekannt geworden. In den ersten Jahren konnte Romberg mit seiner Familie offensichtlich von seiner Konzerttätigkeit und den Einnahmen aus dem Verkauf von Werken an Verleger ganz gut leben; in späteren Jahren verschlechterte sich jedoch die wirtschaftliche Situation infolge der napoleonischen Kontinentalsperre und des andauernden Kriegszustands. Der Winter 1813/14 blieb in Hamburg als „Elendswinter“ in Erinnerung. Das Konzertleben in Hamburg war zum Erliegen gekommen. Selbst eine neue Stelle in Gotha (er übernahm die Stelle von Spohr) konnte seine elfköpfige Kinderschar nicht ernähren. 1819 gründete er in Gotha den "Singverein", die erste bürgerliche kulturelle Vereinigung, aus der 1837 die "Liedertafel" hervorging. Die Wiener Philharmoniker wurden erst 1842 gegründet und spielten am Anfang nur 10 Konzerte pro Jahr.