Donnerstag, 16. März 2017, 19.30
Zürich, Konservatorium, Grosser Saal

Freitag, 17. 
März 2017, 19.30
Fribourg, Centre Le Phénix

Samstag, 18. 
März 2017, 17.00
Neuhausen, Schloss Charlottenfels

Sonntag, 19. März 2017, 20.00
Basel, Gare du Nord


Maurice Ravel (1875 –1937)
Duo für Violine und Violoncello

Silvan Loher (*1986)
"Dann werden wir kein Feuer brauchen"für Stimme, Klarinette, Violine, Viola, Violoncello und Harfe
. UA

Claude Debussy (1862 –1918)
Trio für Flöte, Viola und Harfe

Hansheinz Schneeberger (*1926)
A sweet pastoral für Flöte und Gesang. UA

Jean Cras (1879 – 1932)
Quintett für Flöte, Harfe und Streichtrio

Luciano Berio 
(1925 – 2003)
Folk Songs (1964/67)
für Mezzosopran, Flöte (+picc), Klar, Perk (2), Harfe, Viola, Violoncello
1. Black is the colour
2. I wonder as I wander
3. Loosin yelav
4. Rossignolet du bois
5. A la femminisca
6. La donna ideale
7. Ballo
8. Motettu de tristura
9. Malorous qu'o uno fenno
10. Lo fïolaire
11. Azerbaijan love song


Besetzung
Helena Winkelman, Violine
Alessandro D’Amico, Viola
Christoph Dangel, Violoncello
Isabelle Schnöller, Flöte
Karin Dornbusch, Klarinette
Consuelo Giulianelli, Harfe
Julien Mégroz, Perkussion
Julien Annoni, Perkussion


Gast
Christina Daletska, Mezzosopran



Zum Anfang dieses Programms eine kleine etymologische Nachforschung zum Wort Utopie: Es ist ein Wortspiel, das zwei griechische Worte zusammenführt: Eutopia (guter Ort) und Outopia (kein Ort). Der Engländer Thomas Morus war der erste, der 1516 in UTOPIA eine ideale, imaginäre Gesellschaft beschreibt – sein Vorbild war Platons Politeia. Erasmus von Rotterdam verhalf dem Buch zum Erstdruck. Auf der Suche nach einer Epoche, in der eine gesellschaftliche Utopie direkt mit der Kunst zu tun hatte, fanden wir uns wieder in der Zeit des Jugendstils und des Art Nouveau. Um die vorletzte Jahrhundertwende entstand – hauptsächlich in Österreich und Frankreich als Gegenentwurf zur fortschreitenden Industrialisierung und Massenanfertigung - eine neue Richtung in der Kunst: Malerei, Musik, Architektur und vor allem das Kunsthandwerk erblühten, die Künstler hatten ein (auch nationales) Selbstbewusstsein, gesellschaftliche Entwicklungen zu repräsentieren und zu beeinflussen. Leider war dieser Versuch der Errettung der Menschheit durch die Kunst eine Utopie – doch der Traum war von grosser Schönheit. So lohnt es sich noch heute, das Rad der Zeit zurückzudrehen und diese Epoche noch einmal zum Leben zu erwecken.

Zur Atmosphäre eines „fin du siècle“ gehört untrennbar die Endzeitstimmung und damit – im Bewusstsein, dass dies bald nicht mehr möglich sein würde – der Wunsch, noch einmal so intensiv wie möglich zu leben. Dies hatte sowohl individuell wie auch im grösseren gesellschaftlichen Rahmen eine Enthemmung zur Folge. Betrachtet man die Musik um die Jahrhundertwende, so findet man die Suche nach dieser extremen Daseinserfahrung überall – nur der Weg dazu war verschieden. Im österreichischen Raum fand sich dieser in der emotionalen Übersteigerung des Ausdrucks (wie z.B. in den Symphonien Mahlers, beim frühen Schönberg, bei Zemlinsky), in Frankreich dagegen durch Identifikation mit den Naturgewalten (wie z.B. in „La Mer“ von Debussy, bei Ravel, dem späten Fauré). Auf der eine Seite die Überhöhung des Menschen und seiner Empfindung, auf der anderen die Vision von Einheit und Ekstase mit den Naturgewalten.

In Kombination mit den Folk Songs von Berio haben wir uns in diesem Programm für die französische Seite entschieden. Ravels Duo für Violine und Violoncello, mit dem wir das Programm eröffnen, entstand 1920. Obwohl es zeitlich in die Nachkriegsjahre fällt und damit Ravel die Schrecken des Ersten Weltkriegs bereits durchlebt hatte, berührt das Werk in seinem ersten Satz noch einmal die Atmosphäre der Zeit davor. Durch seine Auseinandersetzung mit dem Duo von Kodály und der herben Sprache Bartóks findet – in scharfem Kontrast zur Poesie des ersten Satzes- eine Auseinandersetzung mit dem europäischen Osten statt und man kann in ihnen durchaus auch eine Reflektion der dramatischen historischen Gegebenheiten sehen – doch nicht nur: Der eigenartige Ton des Werkes ist besonders im langsamen Satz auch ein Tombeau (Trauerstück).

Maurice Ravel hat die Sonate dem Andenken Claude Debussys gewidmet. Letzterer ist in diesem Programm mit seinem zu recht berühmtesten Kammermusikwerk vertreten: der Sonate für Harfe, Viola und Flöte. Das Stück entstand 1915 inmitten des Ersten Weltkriegs und drei Jahre vor seinem Tod. Auf der Titelseite des Erstdrucks stand: Claude Debussy. Musicien français. Dieser Titel verlieh dem Selbstverständnis des Komponisten, der damals unter durch Krankheit und Krieg ausgelösten Depressionen litt, in zweifacher Hinsicht Ausdruck: zum einen politisch im Sinne eines Patrioten, der die “Austro-Boches” im 1. Weltkrieg “aus dem letzten Loch pfeifen” sehen wollte, zum anderen musikalisch im Sinne eines bewusst französisch empfindenden Musikers: So schrieb er: “Nichts kann entschuldigen, dass wir die Tradition der Werke eines Rameau vergessen haben, die in der Fülle ihrer genialen Einfälle fast einzigartig ist”. In der Sonate für Flöte, Viola und Harfe wird dieser Bezug zur Musik des französischen Barock besonders deutlich. Der erste Satz ist eine Pastorale im Stil eines Prélude non mesuré, der zweite ein stilisiertes Menuett mit typischen barocken Rhythmen und das Finale ein schneller Tanzsatz. Die arabesken Läufe und Verzierungen in den drei Instrumenten zeigen andererseits, dass auch dieses Stück noch immer den Naturmythen der Syrinx verpflichtet ist.

Das Hauptwerk des Abends sind die Folk Songs von Luciano Berio Diese Lieder hat er 1964 für seine Frau, die Sängerin Cathy Berberian, geschrieben. Die Melodien der Folk Songs stammen aus unterschiedlichsten Ländern: Kentucky (USA), Armenien (das Land von Cathys Vorfahren), Sardinien, Frankreich, Italien und Azerbaijan. So ist Berios Auseinandersetzung mit der Volksmusik nationenübergreifend und umfassend – so wie auch während Jahrhunderten ein Treffen von Volksmusikern unterschiedlicher Nationen immer zu geselligem, gegenseitigem Lernen führte, was die grosse Verbreitung ähnlicher Melodien und Tänze über ganz Europa verständlich macht. Nach den nationalistischen Kataklysmen des Zweiten Weltkriegs ist dies eine wichtige Vision Berios. Das Werk ist jedoch auch in diesem Programm, weil immer wieder Komponisten durch Bezugnahme auf die Volksmusik eine bessere Welt heraufbeschworen haben: Der einfache Mensch in der Natur. Ohne die gesellschaftlichen Zwänge und daraus folgenden Anpassungen, aus denen Perversion und Aggression (nicht nur gegen Autoritätsfiguren, sondern gegen die eigene gesellschaftlich inadäquat scheinende Person) erwachsen konnten.

Rousseau glaubte nicht daran und schreibt an einer Stelle im Contrat Social: „Der Übergang vom Naturzustand zum bürgerlichen Stand erzeugt im Menschen eine bemerkenswerte Veränderung, weil dadurch in seinem Verhalten die Gerechtigkeit an Stelle des Instinktes tritt. Erst jetzt, wo die Stimme der öffentlichen Pflicht an die Stelle des Triebs und das Recht an Stelle des Begehrens tritt, sieht sich der Mensch gezwungen, der bislang nur sich selbst im Auge hatte, nach anderen Grundsätzen zu handeln und seine Vernunft zu befragen bevor er seinen Neigungen Gehör schenkt.“