Donnerstag, 3. November 2016, 20.00
Basel, Gare du Nord

Samstag, 5. November 2015, 19.30
Zürich, Konservatorium, Grosser Saal

Sonntag, 6. November 2015, 17.00

Schaffhausen, Haberhaus


Joseph Haydn (1732
1809) 
Variationen über Gott erhalte Franz den Kaiser
aus Airs, Variationen und Tänze für Klavier Solo

Flötenquartett

Sally Beamish (*1956)
The Kings Alchemist for String Trio
Schweizer Erstaufführung


English 18th century folk music


Georges Aperghis (*1945)
Corps à Corps für Zarb


Peter Maxwell Davies (19342016)
Eight songs for a mad King (1969)
for Flute, Clarinet, Percussion, piano (dbl. Harpsichord, dulcimer), violin, violoncello


1. The Sentry (King Prussia's Minuet)
2. The Country Walk (La Promenade)
3. The Lady-In-Waiting (Miss Musgrave's Fancy)
4. To Be Sung On The Water (The Waterman)
5. The Phantom Queen (He's Ay A-Kissing Me)
6. The Counterfeit (Le Conterfaite)
7. Country Dance (Scotch Bonnett)
8. The Review (A Spanish March)


Besetzung
Helena Winkelman, Violine
Lea Boesch, Viola
Adi Tal, Violoncello
Isabelle Schnöller, Flöte
Karin Dornbusch, Klarinette
Stefka Perifanova, Klavier
Bastian Pfefferli
, Perkussion
Mario Henkel, Technik


Gäste
Carl Rosman, Voice



„Im Gegensatz zu anderen (Staats)-Verwaltungen, bei denen ein Kollektiv die Interessen des Individuums vertritt, vertritt bei der Monarchie ein Individuum das Kollektiv. [...] Alle Hebel der Maschine liegen in der gleichen Hand, alles strebt dem gleichen Ziel zu, es gibt keinerlei entgegengesetzte Bewegungen, die sich gegenseitig aufheben. Und man kann sich keine Art der Verfassung denken, in der eine geringere Anstrengung eine grössere Wirkung hervorbringt.“ J.-J. Rousseau

Die Hymne „Gott erhalte Franz den Kaiser“ wurde von Joseph Haydn in wahrer Verehrung gesetzt und seine Variationen über die Melodie eröffnen unser Konzert. Der Zeitpunkt der Entstehung der ersten Volkshymne des Heiligen Römischen Reichs im Jahre 1797 ist kein Zufall. Er fällt in eine Zeit, als gegen das revolutionäre Frankreich die Koalitionskriege geführt wurden. In diesen Kriegen sah sich das römisch-deutsche Kaisertum durch Frankreich nicht alleine in der herkömmlichen Weise bedroht: das monarchische Prinzip selbst wurde durch das republikanische Frankreich herausgefordert. Daher sah sich das österreichische Herrscherhaus veranlasst, die Bande zum Volk durch Symbole wie eine zu festlichen Anlässen zu singende Volkshymne zu kräftigen. In diesem Sinne kann die Volkshymne als Gegenentwurf zur Marseillaise verstanden werden.

Diese vom Königshaus gesuchte Verbindung zum Volk öffnet die Tür zum Gegenpol in diesem Programm: Der „Pub“ – oder die Schenke. Instrumentale Volksmusik und Aperghis berühmtes Zarb-Solostück „Corps à Coprs“ bilden einen lebendigen Gegensatz zu musikalischen Reflektionen eines – scheinbar – intakten (Haydn) und eines bedrohten (Davies) kaiserlichen Hofs. Die Schweizer Erstaufführung des Streichtrios der bekannten englischen Komponistin Sally Beamish ist eine passende zeitgenössische Ergänzung zum Hauptwerk des Abends: „Eight songs for a mad king“ von Peter Maxwell Davies basiert auf Melodien, die mittels einer mechanischen Orgel im Besitz von König George III von England erhalten geblieben sind. Er benutzte diese, um Dompfaffen das Singen beizubringen. Das Libretto ist von Randolph Stow – es basiert auf Texten, die ebenfalls von George III sind. Der Baritonpart verlangt dem Sänger eine grosse Anzahl spezieller Techniken ab und umfasst einen Tonumfang von fünf Oktaven. Bei der Premiere waren die Musiker in riesige Käfige gesperrt, weil sie die Vögel des Königs darstellen. Der Schlagzeuger ist der Wärter, der aufpasst, dass der wahnsinnige König weder sich noch anderen Schaden zufügt. Die acht Szenen sind Phantasien und Wahngebilde des Königs und in jedem gibt es Dialoge zwischen ihm und einem seiner Finken (realisiert als Duos des Sängers mit immer wieder einem anderen Instrument.).

Der Höhepunkt des Musiktheaters findet während einer Abendunterhaltung mit Musik von Händel auf Schloss Windsor statt, wenn der König abermals einen Zusammenbruch erleidet und die Geige aus einem der Käfige schnappt, um sie zu zerbrechen. Während die Nacht hereinbricht, denkt er über das Böse nach. Dieser gewalttätige Ausbruch ist eine Hingabe an den Wahnsinn und eine Art von Ritualmord des Königs an einem Teil seiner selbst. Zu Beginn der 8. Szene kündigt er seinen eigenen Tod an.

In Realität war Georg III ein hervorragender König. Er lebte von 1738 bis 1820 und er regierte England von seinem 22. Altersjahr an. Er wurde wegen seiner Liebe zum Landleben auch „Farmer George“ genannt und war der erste britische Monarch, der eine systema-tische wissenschaftliche Bildung erhielt. Neben Chemie und Physik gehörten nicht nur Astronomie, Mathematik, Französisch, Latein, Geschichte, Musik, Geografie, Handel, Landwirtschaft und Verfassungsrecht zu seinem Lehrplan, sondern auch Tanzen, Fechten und Reiten. Sein Religionsunterricht war vollständig anglikanisch, und Georg III war berühmt für seine Pietät. Mit Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz hatte er 15 Kinder und er blieb ihr ein Leben lang treu. Seine Bibliothek umfasste 65'000 Bände und er finanzierte das Herschel Teleskop, welches 1781 den Uranus entdeckte. Nur während der letzten neun Jahre seines Lebens war er infolge einer Stoffwechselstörung geisteskrank. Er war ein Beispiel eines „guten“ Monarchen und was Rousseau über die Könige schreibt, trifft auf ihn nicht zu:

... es ist wahr, alles strebt in einer Monarchie dem gleichen Ziel zu; aber dieses Ziel ist (oft) nicht das des öffentlichen Glücks und gerade die Kraft der Regierung schlägt oft zum Nachteil des Staates aus. Die Könige wollen absolut sein und von ferne ruft man ihnen zu, das beste Mittel es zu werden sei, sich bei ihren Völkern beliebt zu machen. Dieser Grundsatz ist sehr schön und in gewisser Hinsicht sogar sehr wahr. ...Die Macht die aus der Liebe der Völker stammt, ist ohne Zweifel die grösste, aber sie ist unsicher und bedingt und nie werden sich die Fürsten mit ihr begnügen. Könige möchten böse sein, wenn es ihnen gefällt, ohne dabei aufzuhören, die Herren zu sein. So geht ihr Interesse (oft) in erster Linie dahin, dass das Volk schwach und elend ist und dass es ihnen keinen Widerstand leisten kann.

Sieben Jahre lang versuchten englische Impresarios Joseph Haydn nach England zu holen – doch er konnte Prinz Esterhazy nicht verlassen. Als dieser 1790 starb, gelang dies aber Salomon, einem deutschen Geiger. Haydn war damals 58 Jahre alt und auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Er war unternehmungslustig wie ein junger Mann und akzeptierte das Angebot – nicht ohne jedoch sehr gute finanzielle Bedingungen für seine Reise auszuhandeln – seine Werke waren schon Kult in London. 1749/95 kam er ein zweites Mal nach London. Während beider Besuche war George III König.

Haydn wurde nicht nur wegen seinem Ruhm als Musiker zum Ehrenbürger der Stadt Wien ernannt, sondern auch weil er einen Teil seiner nicht unerheblichen Einkünfte den Kranken- und Armenhäusern der Stadt spendete. Haydn starb 1809 an allgemeiner Entkräftung, während die französische Armee unter Napoleon in Wien eindrang. Zu seinen letzten Worten gehörte der Versuch, die Diener zu beruhigen, als in der Nachbarschaft Kanonenschüsse fielen.