Homo Ludens

Konzertsaison 2018-2019

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Erleben Sie die Camerata Variabile fast wie im Konzert...

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Presse

FEEDBACK VON SCHARFEN EXPERTENOHREN ZU UNSEREN PROGRAMMEN

Nochmals hören

Möchten Sie eine Uraufführung noch einmal hören?

"Kammerensembles von diesem Spitzenniveau sind nur selten zu hören. Die seit Jahren aufeinander eingespielten Musiker, jeder ein Solist von herausragendem Können, boten ein einmaliges Musikerlebnis."
Schaffhauser Nachrichten, Gisela Zweifel-Fehlmann

"Der Trompeter in der Badewanne. Strawinskys Sacre du printemps im Liegen gespielt. Ein Kartenset aus Toasts. Blicke durchs Papierfernrohr ins Publikum. Völlig dada? So viel Schabernack jedenfalls wurde in der Tonhalle schon lange nicht mehr getrieben. Die Camerata variabile brachte herrlich viel Unsinn aus Basel mit nach Zürich."
Tagesanzeiger Zürich, Rebecca Meyer

"  Von der camerata variabile eingeladen, eines ihrer Konzerte als Gast mitzugestalten, erlebte ich mitreissendes, kammermusikalisch subtil abgestimmtes Musizieren. Ich wünsche dem ausgezeichneten Ensemble weiterhin schönes Gelingen und viel Resonanz im baslerischen, schweizerischen und internationalen Musikleben."
Hansheinz Schneeberger, Violinist und Präsident des Freundeskreises

"Heartfelt gratitude again, for that beautiful, moving concert. How could Shostakovich express the agony of the human condition in one work? Just incredible- you and everyone really inspired me at a time when it is especially nourishing to feel the power of art and the symbolic world…  "
Trudy Fredericks, Konzertbesucherin Zürich

"Das Konzert war grossartig! Das sind Virtuosen, die auch eine Riesenfreude an ihrem Musizieren haben!"
Anita Mahler, Konzertbesucherin Schaffhausen

"Die Schlussovationen endeten kaum. Musikfreaks sollten sich diese Konzerte nicht entgehen lassen."
Schaffhauser Nachrichten

"Die Camerata variabile bringt uns ihre Musik mit Verve, Charme und Präzision – definitely Champions League."
Franz Goldschmidt, Konzertbesucher und Künstler

Pressespiegel

KURZZITATE

 

„Kammerensembles von diesem Spitzenniveau sind nur selten zu hören. Die seit Jahren aufeinander eingespielten Musiker, jeder ein Solist von herausragendem Können, boten ein einmaliges Musikerlebnis.”

Gisela Zweifel-Fehlmann, Schaffhauser Nachrichten 17.2.1014

 

„Von der camerata variabile liess man sich gern in Griseys Strudel (Vortex Temporum) hineinziehen, zumal die grosszügige Akustik der Wasserkirche den klanglichen Aspekt unterstützte.”

Jürg Huber, Neue Zürcher Zeitung 17.2.2014

 

„Der Trompeter in der Badewanne. Strawinskys Sacre du printemps im Liegen gespielt. Ein Kartenset aus Toasts. Blicke durchs Papierfernrohr ins Publikum. Völlig dada? So viel Schabernack jedenfalls wurde in der Tonhalle schon lange nicht mehr getrieben. Das Ensemble camerata variabile brachte herrlich viel Unsinn aus Basel mit nach Zürich.“
Rebecca Meyer, Tagesanzeiger Zürich 13.11.2013

 

„Die Camerata verbindet ohne Scheuklappen Musik unterschiedlicher Epochen und vergibt regelmässig Kompositionsaufträge”

Alfred Ziltener, Basellandschaftliche Zeitung 6.2.2016

 

„Die camerata variabile basel agierte mit Witz und hoher Musikalität auf technisch höchstem Niveau. Das Publikum war begeistert und hingerissen!“

Gisela Zweifel-Fehlmann, Schaffhauser Nachrichten 19.11.12

 

„Ein Kammerensemble von dieser Art ist eine Bereicherung für Basel.“

Paul Schorno, Basellandschaftliche Zeitung

 

„Kammermusik auf höchstem Niveau. Die Musiker der camerata variabile spielten beseelt und stimmig in einer bis aufs letzte Detail abgestimmten Wiedergabe.“

Fredy Ziltener, Basellandschaftliche Zeitung

 

„Zum Höhepunkt wurde Schönbergs Streichsextett-Klassiker „Verklärte Nacht“ – in einer wunderbar musizierten Aufführung, die farbenreich und nuanciert die kompositorische Fülle dieses Stücks auslotete.“

Basellandschaftliche Zeitung, 16.5.2009

 

„Dass auch Schumann zu den Neuerern und Stilbildnern gehört, bewies die camerata variabile mit ihrer fabelhaften, schlicht unüberbietbaren Interpretation von dessen Klaviertrio in g-Moll, die ihnen einen nicht enden wollenden Applaus einspielte.“

Rita Wolfensberger, Schaffhauser Nachrichten

 

„Ungewöhnliche Programme sind ein Markenzeichen des entdeckungslustigen Ensembles aus Basel.“

Felix Michel, NZZ

 

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GANZE KRITIKEN

 

Wie Sternschnuppen

Neue Zürcher Zeitung, Thomas Schacher

7. März 2018

 

Die Camerata variabile bringt Rudolf Kelterborns poetische «Lichtmomente» erstmals nach Zürich. Lichte Momente hat auch das übrige Programm, obwohl es um ein düsteres Thema kreist.

 

Wer hat sie nicht in einer klaren Nacht schon bewundert: die Sternschnuppen, Partikel aus dem All, die beim Eintritt in die Erdatmosphäre kurz aufglühen und für immer verdampfen? Vielleicht hat sich auch der Schweizer Komponist Rudolf Kelterborn von diesem Phänomen inspirieren lassen, als er sein Kammermusikstück «Lichtmomente» komponierte. Entstanden ist das Werk im Auftrag der Camerata variabile, und dieses Ensemble hat es in seinem dritten Programm der laufenden Saison uraufgeführt. Nach Basel, Schaffhausen und Chur waren die «Lichtmomente» nun auch im Konservatorium Zürich zu hören.

Das Bild der verglühenden Sternschnuppe stellt sich beim Hören dieses Stücks für Bläsertrio, Streichtrio und Klavier tatsächlich wie von selber ein. Zu Beginn entströmen allen sieben Instrumenten energiegeladene Melodien in lichter Höhe. Im weiteren Verlauf findet dann eine Aufteilung in kleinere Instrumentengruppen und eine Vereinzelung der Melodien statt. Als Gegengewicht zur «stratosphärischen» Höhe kommen später auch die tiefen Töne von Violoncello, Bassklarinette und Klavier zum Zug. Der mittlerweile 86-jährige Basler Kelterborn, nach dem Tod von Klaus Huber der Doyen unter den Schweizer Komponisten, legt hier keineswegs ein von Altersmilde gekennzeichnetes Werk vor: Die Klanglichkeit der «Lichtmomente» reicht von schönen, vereinzelten Melodien bis zum verstörenden kollektiven Ausbrechen. Der Formverlauf ist nie vorhersagbar, auch das Ende des Stücks kommt ganz unverhofft.

 

Leichtfüssig
Der Vergänglichkeit ist ebenso das übrige Programm dieses Konzerts gewidmet. Mit Händen zu greifen ist es beim Schlussstück, «Le Tombeau de Couperin» von Maurice Ravel. Ravel hat jeden Satz einem im Ersten Weltkrieg als Soldat gefallenen Freund gewidmet. Ursprünglich als Klaviersuite komponiert, hat der Komponist vier Sätze derselben orchestriert. Die Geigerin Helena Winkelman, die künstlerische Leiterin der Camerata variabile, hat nun die Üppigkeit von Ravels Orchesterfassung in eine leichtfüssige kammermusikalische Fassung zurückgeführt.
Zusammen mit dem Bratscher Alessandro d’Amico, dem Cellisten Christoph Dangel, der Flötistin Isabelle Schnöller, dem Oboisten Jaime González, der Klarinettistin Karin Dornbusch und der Harfenistin Consuelo Giulianelli interpretiert Winkelman ihr Arrangement in einer sehr kultivierten, sehr französisch klingenden Art. Kultiviert meint aber nicht blass, denn die sieben Musikerinnen und Musiker deuten den «Tombeau» richtigerweise nicht als tränenselige Trauermusik, sondern als farbige Porträts jener Personen, die Ravel in den einzelnen Sätzen charakterisiert hat. Der abschliessende Rigaudon kommt geradezu frech daher.

Am Klagegesang aus der griechischen Antike orientierte sich André Jolivet in seinem «Chant de Linos». Aber auch hier handelt es sich nicht um ein schleichendes Adagio, sondern ein lebhaftes Stück, in dem die Flötistin wie in einem Solokonzertsatz brillieren darf. Die Stunde der Pianistin Stefka Perifanova und der Klarinettistin schlägt in Claude Debussys «Première Rhapsodie», bei der die anfängliche Melancholie einem beherzten Spiel weicht.

 

Knattergeräusche
Den schrägsten Beitrag zum Thema Vergänglichkeit bildet indes «Lost Paradise» von Thomas Kessler. Zwei Analog-Synthesizer aus der Pionierzeit der elektronischen Musik modifizieren die Klänge des Klaviers und der Harfe, während Altflöte, Oboe und Viola herkömmliche akustische Klänge beisteuern. Die naive Lust am Klangexperiment, die sich beispielsweise in Glissando-Effekten der Harfe oder in Knattergeräuschen des Klaviers zeigt, erweckt heutzutage, im Zeitalter der elaborierten Live-Elektronik, wahrlich ein Schmunzeln. Ein verlorenes Paradies?

 

 

 

Die fünf Elemente

Neue Zürcher Zeitung, Felix Michel

21. März 2016

 

Das muss ein aussergewöhnliches Ensemble sein: Die Basler Camerata variabile schafft es, mit dem Saisonthema «Vier Elemente» fünf Konzerte zu veranstalten. Dafür nimmt es zu Erde, Wasser, Feuer, Luft flugs noch den Äther hinzu. Nach einer ähnlichen Rezeptmischung aus Entdeckungs- und Überraschungsfreude sind auch die Konzertprogramme zubereitet: wechselnde Besetzungen, Musik ohne stilistische Grenzen, stets mindestens eine Uraufführung. Nun stand das Element «Luft» auf dem Programm. Dazu passen natürlich Blasinstrumente, aber auch Mozart ganz gut, und also gab es das Vergnügen, dessen wunderbares Quintett für Klavier, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott KV 542 wieder einmal zu hören.

 

Nicht weniger fein und alert als eine Uraufführung wurde dieser Mozart musiziert, mit einer von der Oboistin Antje Thierbach und der Klarinettistin Karin Dornbusch geprägten Natürlichkeit des Gestaltens, die bei dieser Musik so gut funktionieren kann. Die wie immer problematische, weil viel zu hallige Akustik in der Zürcher Wasserkirche trübte zwar den Genuss, aber Interpretations-qualitäten wie der perfekt balancierte Bläsersatz stachen auch so ins Ohr.

 

Das neue Werk von Mario Pagliarani hielt darauf exakt, was sein Titel versprach: «Mozartmaschine mit Luftkadenz» lautet er, und entsprechend wurden abwechslungsweise Instrumente tonlos durchhaucht oder beklopft und Splitter aus dem Mozart-Quintett nach dem Verfahren von Samples und Loops verarbeitet. Da aber der Bogen zum Thema «Luft» und zur Mozartschen Vorlage derart perfekt geschlagen war, beschlich einen das Gefühl einer gewissen Überraschungslosigkeit.

 

Für einmal förderlich waren die akustischen Bedingungen dem 1991 geschriebenen Solostück «Scrivo in vento» von Elliott Carter, dem die Flötistin Isabelle Schnöller mit lebendigem Ton Sinnlichkeit verlieh. Die lange Nachhallzeit liess hier Carters Tongruppen nicht nur als Melodie, sondern auch als Zusammenklänge hörbar werden. Eine ganz andere Kunstauffassung hat der 1931 geborene Experimentator Alvin Lucier: In «Heavier than Air» lässt er den Schall geflüsterter Worte von Kohlendioxid-Ballonen bündeln. Inwieweit aus diesem von der Komponistin Judy Dunaway ersonnenen Verfahren Effektvolles entstehen kann, wurde in der reflexionsstarken Wasserkirche nicht klar. Immerhin aber zeigte sich, wie selbstverständlich die Camerata variabile auch mit solchem umgeht.

 

Seine launig-virtuose Caprice für Klavier und hohe Bläser – zu deren Vorzügen jedenfalls gehört, den «bon moment» des Endens zu kennen – zeigte Camille Saint-Saëns unverhofft als Vorläufer des quirlig-mehrdeutigen Francis Poulenc. Und Poulencs imaginatives Sextuor liess die Stärken des vereinigten Ensembles noch einmal funkeln: Rui Lopes mimte den näselnden Fagott-Dandy, Oscar Souto Salgado liess Horn-Heroik aufglühen, und Stefka Perifanova vermittelte mit pianistischer Eleganz zwischen Klassizismus, Innigkeit und Jazz-Motorik.

 

 

Nicht in engen Boxen denken

WOZ, Thomas Meyer

8. Januar 2015

 

Die Komponistin und Geigerin Helena Winkelman überschreitet gern musikalische Grenzen. Nun geht sie wieder mit der Camerata variabile auf Tournee. Und in Basel ist bald ihre Adolf-Wölfli-Oper zu erleben.

 

Es ist eng in dieser Welt, und die Musik bedrängt den Protagonisten von zwei Seiten: heimische Volksmusikklänge auf der einen, harter Avantgarderock auf der anderen. Das Musiktheater «Das Allmachtsrohr», Anfang Oktober in Bern zum 150. Geburtstag Adolf Wölflis uraufgeführt und ab 20. Januar im Basler Gare du Nord zu sehen, führt in neunzig Minuten den Kosmos dieser aussergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeit vor – die psychischen Zwänge ebenso wie die kreativen Höhenflüge. Die Regisseurin Meret Matter und die Komponistin Helena Winkelman haben basierend auf dessen Epos «Von der Wiege bis zum Graab» die musik-theatralische Biografie Wölflis entworfen. Im Ensemble spielen neben der Komponistin an der E-Geige und der Klarinettistin Karin Dornbusch das Zürcher Avantcore-Trio Steamboat Switzerland – benannt nach dem «Dampfer Swizerland» aus Wölflis Epos.

 

Immer offen für Neues

Für Helena Winkelman war das Komponieren für eine solche Besetzung eine völlig neue Erfahrung. «Es hat mich stilistisch an Orte geführt, an denen ich noch nie gewesen bin», sagt sie. Die in Schaffhausen aufgewachsene Musikerin bewegt sich nicht nur innerhalb der Neuen Musik. Ursprünglich auf der Violine ausgebildet, hat sie bei Roland Moser und Georg Friedrich Haas in Basel Komposition studiert, aber auch indische Musik bei Ken Zuckerman. Sie spielte im Lucerne Festival Orchestra unter Claudio Abbado mit, war Gast in Noldi Alders Klangcombi und gründete 2003 eine Rockgruppe mit Streichern, Klavier und Perkussion.

 

«Ich versuche, mir eine grosse stilistische Flexibilität zu bewahren und immer wieder Volks-musik in meine Kompositionen zu integrieren», sagt Winkelman. «Überhaupt setze ich mich gerne mit verschiedenen Musiksprachen auseinander und habe 2010 einen Monat in Varanasi in Indien verbracht, um dort den ältesten Gesangsstil, den Dhrupadgesang, kennenzulernen. Auch diese Auseinandersetzung hat meine musikalische Sprache erweitert.» Stilistische Grenzen kümmern sie dabei wenig; die Einflüsse kommen von verschiedenen Seiten. Tibetanische oder koreanische Instrumente sind ebenso wichtig wie skandinavische oder helvetische Elemente. Winkelman sucht vielmehr das Authentische: Musik, die wie ihre eigene «fast durchwegs spirituell motiviert ist – was bei vielen Kulturschaffenden im Westen in einer Zeit des Materialismus und der Wissenschaftlichkeit nur noch wenig zutrifft».

 

2013 zum Beispiel stellte Winkelman beim Festival Alpentöne in Altdorf das grosse Projekt «Zauber- und Bannsprüche aus alter Zeit» vor – gemeinsam mit dem lettischen Vokalensemble Putni. Die Begegnung mit diesen Frauen war für sie nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich bereichernd: «Die Sängerinnen arbeiten dort alle unglaublich hart, weil man so wenig verdient. Jede Ressource ist nötig, um sich über Wasser zu halten. Ich habe dort viel Kraft, Verhandlungsgeschick und Klarheit erlebt. Eine weitere grosse Qualität ist ihr starker Zusammenhalt sowie eine alte Folklore, an der alle teilhaben – alles Eigenschaften, die in der unwirtlichen Umgebung der Berge auch notwendig sind.»

 

Die Saison der Liebeskunst

Mit von der Partie war damals auch die Camerata variabile aus Basel, die seit zwanzig Jahren besteht. Seit vier Jahren leitet Winkelman das Ensemble, das, wie sein Name nahelegt, in Besetzung und Repertoire äusserst flexibel ist. Dadurch entstehen vielfältige Programme, Solos stehen neben Nonetten, Altes erklingt zwischen Neuem. Auch da möchte Helena Winkelman nicht «in engen Boxen denken».

Jede Camerata-Saison steht unter einem Thema, heuer ist das «Ars amatoria – Liebeskunst». Die Musik soll helfen, Gedanken und Gefühle, die uns beschäftigen, auf einer anderen Ebene zu vertiefen. Und dafür hat das Ensemble eigens Werke in Auftrag gegeben. So ist in den Januarkonzerten ein neues Stück des Bratschisten Garth Knox zu hören und im Februar eines der jungen russischen Komponistin Marina Khorkova. Beide verbinden sich dabei im Programm auf ganz selbstverständliche und inspirierende Weise mit den KlassikerInnen Schubert, Clara und Robert Schumann oder Brahms.

 

 

Ruhe im Sturm

Neue Zürcher Zeitung, Felix Michel

12. Januar 2015

 

Wenn im Januar eine Warmfront ihre Böen durch die Stadt bläst und Lemmingherden achtloser Fussgänger vor verzweifelt klingelnde Trams stürzen, in denen wiederum feierabendmüde Fahrgäste zwischen Kinderwagen voller Erschöpfungsgeschrei stehen – dann braucht es schon die dicken, in die unbeirrt fliessende Limmat gesenkten Mauern einer Wasserkirche, um feine Streichermusik aus drei Jahrhunderten zu spielen und zu hören. Gleich dem ersten Werk, das die Basler Camerata variabile in Angriff nahm, bekam der Kirchenraum zwar wenig: In Vivaldis Konzerten für die Viola d’amore resonierte weit mehr als nur die charakteristischen Aliquotsaiten des Soloinstruments; zu stark war der Nachhall, zu dumpf blieb so das Continuo. Aber zum Glück erwiesen sich die gewöhnungsbedürftigen akustischen Verhältnisse günstiger für die spielfreudig-federleichten Werke des Cellisten Thomas Demenga und des irischen Bratschisten Garth Knox, der Gastinterpreten des Programms.

 

Das neue, quasi noch tintenfeuchte Werk, das Knox mitbrachte, bestach dazu durch seine konzeptuelle Idee: Das Setting einer Gerichtsverhandlung bot allerlei musikalischer Archetypik eine Bühne und liess eine anregende Abhandlung über die Sprachfähigkeit der Musik entstehen: Denn einzig die inhaltslosen Schwurfloskeln wurden als Worte gesprochen, die eigentlichen Plädoyers jedoch blieben der Musik und ihrer rhetorischen Wirkung vorbehalten. Nach der herzerweichenden Verteidigungskantilene der Bratschistin Lea Boesch vergab bereits mancher dem Angeklagten, auch wenn Thomas Demenga dessen Verbrecherpsyche darauf in messerscharf zwielichtige Klänge fasste. Der abschliessende Schuldspruch mochte für den Richter Garth Knox unvermeidlich sein; aber hätte Knox nicht zumindest als Komponist auf ihn verzichten und dafür der stets prickelnden Mehrdeutigkeit aller Musik vertrauen können?

 

Als Bratschist gestaltete Knox fast beiläufig einen Höhepunkt mit dem ersten aus Salvatore Sciarrinos solistischen «Notturni brillanti»; schade einzig, dass er nicht gleich alle drei spielte. Dazu hätte es wohl der Beschränkung anderenorts bedurft, und diese ist glücklicherweise keine Eigenschaft der Tausendsassas um die Geigerin Helena Winkelman. Denn wäre sonst nach der Pause auch noch Brahms erklungen? Zum veritablen Hinhörer geriet die vorzügliche Wiedergabe von dessen G-Dur-Sextett dank dem Wagemut, auch hier Darmsaiten zu verwenden: An dieses akustische Erlebnis fernab brillanter Härte gewöhnte man sich gerne.

 

 

 

Wenn die Stille zur Fülle wird

Schaffhauser Nachrichten, Rita Wolfensberger

29. März 2011

 

Die Camerata Variabile Basel hat ihren Auftritt unter den aussergewöhnlichen Titel «Haiku – Jenseits der Sprache – Japan» gesetzt und damit ein Hörerlebnis angeboten, das völlig über die übliche Konzerterfahrung hinausführte. Denn: Haiku ist eine aus Japan stammende lyrische Kurzform, die nur aus drei Verszeilen besteht und gleichzeitig poetischen, philosophischen und rhythmischen Inhalts ist. Wie japanische, vor allem aber auch westliche Komponisten solche Texte vertont, wie Dichter eigene Kurzpoeme nach japanischem Muster nachgebildet haben, das führten die Gäste in der Kirche Paradies auf packende Weise vor.

 

Dabei kam es vor allem zur Erfahrung des Japaners Toru Takemitsu, der «Wahrnehmung von Stille als Fülle und nicht als Vakuum», die auch die unsrige wurde; denn kurze Musik und Generalpausen ermöglichten immer wieder ein innerliches Verarbeiten des eben Gehörten, und die Komponisten wie die Interpreten gestalteten dieses Doppelspiel auf meisterhafte Weise. Die grosse Anzahl von Einzelnummern und -stücken kann hier natürlich nicht aufgelistet werden. Das Wesentliche sei aber erwähnt: Als einziger Beitrag eines Japaners erklang der überaus suggestive Dreiteiler «Towards the sea» von Takemitsu für Altflöte und Gitarre, von Isabelle Schnöller mit aller Akkuratesse geblasen und von Stephan Schmidt aufs Feinste sekundiert. Von Schweizer Tonschöpfern lernte man zwei markante Werke kennen: Hansheinz Schneeberger hat noch in diesem Jahr 2011 zwei Haikus ohne Text auf dieselben beiden Instrumente übertragen und deren Stimmungen zu starkem Ausdruck gebracht, was die beiden Interpreten gleichwertig zu gestalten wussten. Und Helena Winkelman erwies sich erneut nicht nur als hochbegabte Tonschöpferin, sondern auch als geradezu kongeniale Gestalterin japanischer Poesie mit der Vertonung von fünf Haikus, die nun erstmals gesungen wurden, nämlich durch den Bariton Kurt Widmer, der seine noble Stimme auf fabelhafte Weise zu nuancieren und unterschiedlich zu timbrieren versteht.  Auf höchst geschickte Weise war auf Abwechslung in den aufeinanderfolgenden Programmnummern geachtet worden. So war als Konzerteingang bereits ein Streichtriofragment von Schubert erklungen, dem auch als Rahmen das entsprechende «Lento e patetico» für Quartettformation vorbehalten wurde, und zwischendrin hatten Widmer und Schmidt noch mit bewegender Sensibilität dessen «Meeresstille» interpretiert, deren Geistesnähe zum Haiku unverkennbar ist. Den gewichtigen Schluss des Abends bildete György Kurtágs Werk «Pas à pas – nulle part» auf Kurztexte von Samuel Beckett / Seb. Chamfort für Bariton, Streichtrio und Perkussion, das gewissermassen die Zusammenfassung alles Erlebten darstellte, wobei der Schlagzeuger solistische Funktionen an einer Fülle von Instrumenten auf atemraubende Weise zusätzlich wahrnahm. Tief beeindruckt spendete ein beachtlich zahlreiches Publikum allen Interpreten ergriffenen Beifall.

 

 

 

Filigrane Klanggebilde

Basellandschaftliche Zeitung, Alfred Ziltener

28. März 2011

 

Musikalische Haikus standen im Mittelpunkt eines faszinierenden, klug und konsequent konzipierten Konzerts der Camerata variabile in der Gare du Nord. In dieser Spielzeit kreisen die Programme des Ensembles um die wechselseitig befruchtende Beziehung zwischen der westlichen Kultur und verschiedenen fernöstlichen Kulturen sowie um die Beziehung von Sprache und Musik.

 

Nach China ging es nun um Japan. Natürlich stand das Programm schon lange vor den Katastrophen im Inselstaat fest. Der erste Teil brachte die Uraufführung einer Reihe von Haiku-Vertonungen für Flöte und Streichtrio, lauter Auftragswerken der Camerata. «Der Goldfasan» von Hansheinz Schneeberger, der – leider – kaum als Komponist hervortritt, ist ein filigranes Gebilde aus Streicherklängen, in die sich von Ferne die Flöte mischt. Ebenso subtil ist sein «Sie sagten kein Wort», ein Verharren in musikalischen Schwebzuständen. Ein exquisites Klanggespinst, dem sparsam eingesetzte fernöstliche Harmonik einen eigenen Reiz verleiht, komponierte der 1981 in Eriwan geborene Arman Gushchyan, ein Schüler von Roland Moser. «Seiyû» von Lukas Langlotz wirkte mit  seinen sieben Minuten Dauer diesen Miniaturen gegenüber schon fast wie eine sinfonische Dichtung. In der kurzen Form fasst es unterschiedliche Welten, hier kompakte, zupackende Gesten, dort von Pausen durchsetzte Klänge, dramatische Zuspitzungen und am Schluss ein schier endloses langsames Verklingen. Die Camerata-Musiker interpretierten diese Stücke wunderbar nuanciert und mit grosser Sensibilität.

 

Stephan Schmidt hat die «7 Haikus» für Klavier von John Cage sehr stimmig für Gitarre bearbeitet und  war auch selber der feinfühlige Interpret dieser musikalischen Kalligrafie.  Von Helena Winkelmann hörte man die fünf Haiku-Vertonungen von 2005, gesungen vom Widmungsträger Kurt Widmer. Und wie! Der Bariton, der im Dezember 70 Jahre alt geworden ist, verfügt noch immer über erstaunliche stimmliche Mittel, Ausstrahlung und reife Gestaltungskraft. Widmer war auch der geradezu ideale Interpret von György Kurtags «Pas à pas . . . nulle part» nach kurzen Gedichten Samuel Becketts am Schluss des Abends. Kurtag setzt diese Äusserungen eines desillusionierten, vereinsamten Menschen um in ausdrucksstarke Musik, deren Palette von fast tonloser Resignation bis zu bitterem Sarkasmus reicht. Widmer und die Instrumentalisten loteten diese Musik packend aus.

 

 

 

Chinesisches und Chinoiserien

Basellandschaftliche Zeitung, Alfred Ziltener

15. Januar 2011

 

Gare du Nord Das Ensemble Camerata Variabile wagt einen Blick nach China.

Flirrende, gleissende Klänge, punktiert von silberhellen Xylofontönen, durchzogen den Saal der Gare du Nord zu Beginn des Konzerts der Camerata Variabile: höfische Musik aus dem mittelalterlichen China, allerdings gespielt auf modernen Instrumenten und der chinesischen Mundorgel Shen.

 

«Also sprach Lao-Tse» war der Abend überschreiben, der einerseits den Beziehungen zwischen westlicher und chinesischer Musik, andererseits den Berührungen von Musik und Sprache nachgehen wollte. Dazu hatte das Ensemble zwei vielseitige Gäste eingeladen. Der Schweizer Perkussionist Lucas Niggli ist ein Grenzgänger zwischen den Stilen; der Sheng-Spieler Wu Wie kommt aus der chinesischen Tradition, experimentiert aber mit den traditionellen Instrumenten auch in den Bereichen Neue Musik, Jazz, Improvisation. Wenn sie mit der ebenfalls mit vielen musikalischen Wassern gewaschenen Geigerin Helena Winkelman improvisierten, schienen die kulturellen Gegensätze aufgehoben in der gemeinsamen musikalischen Sprache, zumal wenn sich die Männer von der Violinistin zum ausgelassenen Tanz verführen liessen. Mit Wu Weis kunstvoll mit Tonhöhen arbeitender Rezitation eines Texts von Lao-Tse in der zweiten Improvisation fand auch die gesprochene Sprache Eingang in die Musik. In zwei Chinoiserien für Flöte solo des jung verstorbenen Debussy-Zeitgenossen Pierre Octave Ferroud brillierte Isabelle Schnöller mit leuchtenden, biegsam phrasierten Legato-Bögen. Klanglich ausgesprochen reizvoll ist «Wu» des 1941 in Settin geborenen Klaus Hinrich Stahmer: Sheng und Klarinette bilden Flächen, vor denen sich die Wellenbewegungen des Cellos wie musikalische Kalligrafie ausnehmen. Karin Dornbusch, Wu Wei und Christoph Dangel interpretierten das Stück mit grosser Sensibilität. Als Uraufführung hörte man das Ensemble-Stück «Contrôle . . . déten- du» des in Basel lehrenden Qiming Yuan.

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